Fortsetzung von Teil 1...
 
Endlich geht’s wieder los mit schrauben und schrubben…
.... der Sommer 2014, der keiner war und der von Juli bis September nicht mal drei trockene Tage in Folge aneinander gereiht bekam, ist endlich zu Ende: Zum Glück!


Anfang Oktober konnte die XS1100 aus ihrem unwürdigen Dasein draussen in der Witterung befreit und in die ‚gemütliche’ aber vor allem trockene Werkstatt gebracht werden. Vorher waren aufräumen und Werkstattreinigung angesagt. Dann fiel noch die Hebebühne für das Mottorad aus. Sie musste repariert werden… Diese hatte das ewige Auf und Ab offenbar satt und forderte etwas ‚Hingebung’ ein…. Immer wieder sackte der Lift ein, obwohl wir viel Aufwand – allerdings meistens am falschen Ort - betrieben und sämtliche zugängliche Hydraulikventile überarbeiteten… Schliesslich gab sich die Hebevorrichtung mit einem neuen Nutring für den Hauptzylinder zufrieden. Jetzt ist der Motorradlift wieder fit für die nächsten ‚Schandtaten’ und mag die knapp 300kg schwere XS1100 lupfen als wäre sie ein leichtgewichtiges Mofa…

 
 


Zwei mal komplett auseinander geschraubt und dann wieder zusammen gebaut... Der Nutring - also sozusagen die Hauptdichtung - des Hydraulikzylinders hatte sich teilweise aufgelöst und musste ersetzt werden... Jetzt ist die Hebebühne wieder topfit!

 

 
 

Und die XS1100 forderte auch gleich die volle Aufmerksamkeit ein… Nur ein oder zwei Tage nach der Überführung war auf dem frisch gereinigten Werkstattboden unter dem 4-Zylinder Motor auch bereits eine unübersehbare Öllache auszumachen. Was war denn jetzt wieder los, das war ja etwas ganz Neues… Die sabberte so was vor sich hin, ...ich konnte mir daraus keinen Reim machen, auch dann noch nicht, als ich den Benzintank öffnete: Ich hatte den Tank doch im Mai nochmals mit frischem Benzin randvoll gemacht um allfälligen Tankschäden durch Verrostung, welche mir von der XJ650 Turbo Restauration noch in bester Erinnerung waren, vorzubeugen. Aber der Tank war nun nur noch zu einem Drittel mit Benzin gefüllt…. Hatte ich plötzlich Halluzinationen? Habe ich mich womöglich getäuscht und wollte den Tank nur auffüllen und habe es dann letztlich doch nicht gemacht???
 

 
 


Das hat nun nichts mit dem Zustand der XS1.1 zu tun, ...aber solches nervt: Wie kann man den Ölfilter-Deckel nur auf diese Weise anschrauben? Jeder Blinde würde diesen Fehler erkennen!!!
 

 
 

Dann, nochmals ein paar Tage später, als ich unten am Sumpfdeckel die Ablassschraube für das Motorenöl entfernte wurde mir das Ausmass des Schadens vor Augen geführt. Sofort bemerkte ich die extrem dünne Konsistenz des Motorenöls und sofort war mit klar, dass das (fehlende) Benzin aus dem Tank in den Motor gelaufen sein musste.  Deshalb war auch der Ölpegel im Schauglas viel zu hoch, und deshalb war dann auch das unter den Motor gestellte Ölauffangbecken viel zu klein ….
 

 
 


Mit knapp 80'000km bekommt das Kultbike endlich die wohlverdiente Zuneigung in Form einer umfassenden Restaurierung.
 

 
 

Wie das Benzin in den Motor gelangen konnte ist mir allerdings ein Rätsel. Plausibel ist einzig die Erklärung, dass es über einen oder mehrere Vergaser in den Brennraum eines oder mehrerer Zylinder laufen und von da in das Kurbelwellengehäuse durchsickern konnte. Entsprechend sieht es nun natürlich auch im Tankinneren aus: Anstelle eines einigermassen sauberen Brennstoffbehälters welcher mit überschaubarem Aufwand fit gemacht werden könnte, erwartet mich nun mehr oder weniger dieselbe Tortur wie bei der XJ650 Turbo… Es wird also nichts mit schnell, schnell ein bisschen XS1100 auffrischen und womöglich noch im Spätherbst oder Frühwinter testfahren gehen…

 
 


Eines der letzten 'echten' Kultbikes: Auch im verlotterten Zustand 'strahlt' der Töff seinen vollen Charme aus.

 

 
 


Baustelle Sicherungskasten: Der Neuaufbau der Elektrik im Allgemeinen und des Sicherungskasten im Speziellen gehört bei fast allen älteren Motorräder ins Kapitel 'Basisrestauration'.
 

 
 


Auch alle Komponenten der Luft- und Energiezufuhr werden mich im Winter 2014/15 noch einige Stunden beschäftigen.
 

 
 

Um mich abzulenken habe ich mit der eigentlichen Demontage und Inspektion weiterer ‚Baustellen’ begonnen. Die Vergaserbatterie scheint noch einigermassen intakt zu sein. Sie wird natürlich in ihre Einzelteile zerlegt werden müssen und das Ultraschallbad kennen lernen. Bei der Auspuffanlage wird noch eine ‚Make or Buy’-Entscheidung getroffen werden müssen. Entweder die bestehende Auspuffanlage bearbeiten und neu verchromen lassen oder gleich von Beginn weg eine ‚neue’ suchen oder ggf. eine Nachbau-Variante einbauen.
 

 
 


Die Auspuffanlage nach dem Ausbau....

 

 
 


... und nach einer ersten, groben Reinigung.

 

 
 

Eine neuwertige Auspuffanlage im Original müsste mit rund CHF 2'000.-- budgetiert werden, wenn man überhaupt noch eine findet…! So oder so eine happige Investition. Die Überarbeitung und Neuverchromung der bestehenden Anlage würde wohl mit etwa CHF 750.-- zu Buche schlagen und wäre damit nicht mal halb so teuer…. Als Alternative bieten sich Nachbauten in Chromstahl an... Kostenpunkt für solche Auspuffanlagen: ca. CHF 1'200.--.
Die detaillierten Abklärungen für das weitere Vorgehen laufen im Moment noch...

Zwischenstand 09.10.2014
 

 
 


Als wäre alles neu: Die Messung des Ventilspiels bei offenliegenden Nockenwellen ergab alle Werte innerhalb der Servicetoleranzen

 
 
 

Die Suche nach dem perfekten Ersatzteil

Restaurieren von Motorrädern ist oft ein Spiegelbild des normalen Leben.. wieso sollte es auch anders sein? Es gibt Tage, an die man sich gerne erinnert weil einem etwas ganz besonders gut gelungen ist oder weil man nach langer Suche endlich einen Ersatzteil in erstklassigem Zustand gefunden hat.
Oder zum Beispiel dann, wenn man am Bike eine wüst aussehende Stelle untersucht und bemerkt hat, dass der vermeintliche Schaden gar nicht so schlimm ist wie befürchtet. All das gibt einem ein gutes Gefühl und motiviert enorm die angefangenen Arbeiten weiter zu führen. Dann gibt’s aber auch die andern Tage: An diesen gelingt dann jeweils grad gar  nichts…. Alles was man in die Finger nimmt geht schief. Oft auch erst – und das ist dann jeweils besonders frustrierend -  nachdem man bereits viel Zeit (und womöglich auch Geld)  investiert hat um dann zu erkennen, dass man doch kein befriedigendes Resultat erreicht hat und alle Mühe umsonst war.
 

 
 


Schleifen, verputzen und verchromen: Der letzte Arbeitsschritt wurde hinfällig. Der Topf hatte einen Riss und war auch innen komplett durchgerostet.
 

 
  Das passierte neulich mit dem Auspuff: Am rechten Endtopf hatte ich bereits die komplette Schweissstelle verputzt  und geschliffen. Alles war eigentlich schon bereit für die neue Verchromung als ich dann doch noch einen kleinen Riss entdeckte. Alle Versuche diesen Riss wieder zu schweissen und neu zu verputzen scheiterten irgendwie und ich musste mir nach rund einem Tag Arbeit eingestehen, dass der Auspuff mit vertretbarem Aufwand nicht mehr zu retten war. Er war nämlich auch drinnen im Bereich des Endtopfes, also dort wo sich all die Geräusch dämpfenden Rohrverbindungen, Bohrungen und Prallbleche, kurz die Schikane befindet, durchgerostet.
 
 
  Oder dann beim zerlegen der eigentlich noch ganz ordentlich aussehenden Vergaserbatterie. Da war die obere der beiden M4-Schrauben, welche die Choke-Halterung an den Vergaser Nr. 1 fixieren dermassen verhockt, dass beim lösen die Bohrung in der Spritzgusslegierung weg brach. Wie will man so einen Schaden am fragilen Vergaserkörper mit erträglichem Aufwand wieder reparieren? Zu unguter Letzt brach dann beim zerlegen des Vergasers auch noch die eine Schwimmerhalterung weg.
 
 
 


Mit viel Glück einen Ersatz-Vergaser für Fr. 25.- gefunden: Die lädierten Stellen am Original-Vergaser links sind rot eingekreist. Rechts der unversehrte Ersatzvergaser für Zylinder Nr. 1

 

 
 

Weiter bei der Sitzbank: Der sah man zwar durchaus an, dass sie nicht fabrikneu war. Aber dass beim Abziehen des zerflederten, schwarzen Kunstleder-Cover auch gleich ganze Teile des durchgerosteten Auflagebleches hängen bleiben, konnte man beim besten Willen nicht so ohne weiteres erahnen.  Überhaupt war die ganze unter Metallplatte in einen erbärmlichen Zustand, teils gebrochen und mit Rostlöchern durchsetzt.

Auch beim Benzintank hatte ich ja bereits so einiges an Zeit investiert. Eine chemische Entrostungskur hatte er ja bereits erhalten und ich war auf bestem Weg mittels der am XJ650 Turbo bereits erprobten mechanischen Reinigungsmethode dem hartnäckigen Innenrost auf die Pelle zu rücken, als dann - oh Schreck - eine durchgerostete Stelle sichtbar wurde. Am Falz auf der Tankunterseite hätte geschweisst werden müssen… Angesichts des unklaren Gesamtzustandes des Tankes bezüglich Durchrostung und den vielen Beulen und Lackschäden die der Tank auch sonst bereits hatte, entschied ich mich im Internet nach einem Ersatz zu suchen.
 

 
 


Zwar nicht ein Fass ohne Boden aber immerhin ein Tank mit Loch: Der Original-Tank links wäre nur noch mit sehr viel Aufwand zu retten gewesen. Rechts der erschwingliche Ersatztank in einem guten Allgemeinzustand und nur sehr wenig Flugrost.
 

 
  Auch beim Auspuff und beim Sattel wollte ich nach Ersatzmöglichkeiten suchen. Das gleiche für den Vergaser des Zylinder Nr.1: Ich versuchte einen einzelnen Vergaser aufzutreiben um nicht eine komplette Vergaserbatterie kaufen zu müssen. Also musste es der Vergaser Nr. 1 sein, der nicht 100% baugleich mit den andern drei Vergaser ist.

Schnell mal wurde klar wie schwierig die Suche nach geeigneten Teilen sein würde. Insbesondere ein Auspuff ist in neuwertigem Originalzustand kaum mehr zu finden, und wer noch einen hat, gibt diesen in der Regel auch für viel Geld nicht her.
 
 
  Auch beim Sattel, resp. der Sitzbank gilt das gleiche wie für den Auspuff. Offenbar war dies ein ‚schwacher’ Teil der bei vielen dieser Motorräder kaputt ging und ersetzt werden musste, und daher jetzt kaum mehr zu finden ist. Aus diesem Grund erweiterte ich die Suche nach allen Teilen auf alle mir bekannten Kanäle, besonders im Internet in einschlägigen Foren und auf Gratis-Marktplätzen.
 
 
 


Rost wohin das Auge reicht: Das Unterblech der XS1100 Sitzbank präsentierte sich in einem erbärmlichen Zustand. Doch auch hier konnte ein guter Ersatzteil gefunden werden.

 

 
 

Und siehe da: Nach all den Frusterlebnissen war bereits nach kurzer Zeit wieder Licht am Ende des Tunnels auszumachen. Alles Gesuchte liess sich in zum Teil sensationellem Zustand finden. Auch ein leerer Hauptkörper von Vergaser Nr. 1 hatte noch jemand bei sich rumliegen und konnte gleich zusammen mit einer noch fast taufrischen Sitzbank aus Hamburg an die deutsche Paketservicestelle in der Nähe von Basel geschickt werden.
 

 
 


Da macht auspacken Spass: Die Auspuffanlage aus der Nähe der niederländischen Grenze ist unbeschädigt angekommen.
 

 
 

Der Auspuff – besser eingepackt als jede altägyptische Mumie – wurde schliesslich aus dem hohen Nordwesten Deutschlands angeliefert. Im gleichen Paket befanden sich auch noch ein neuer Chromreifen für die Frontlampe, ein intakter Tachobecher und ein Kupplungskabel. Was will man mehr? …. zB. einen schönen schwarzen Tank dem gleich noch ein halbes duzend Blinker - die mir ja auch noch alle fehlten - für hinten und vorne beigelegt waren. Die vorderen Blinker waren sogar mit den seltenen Halterungen ausgerüstet.
 

 
 


Wie 'Musikinstrumente' von Yamaha: Die neue, originale Auspuffanlage präsentiert sich als veritable Augenweide
 

 
 


Gut sichtbar: Die Blinklichter der XS1100 sind nicht zu übersehen.

 

 
 

Mal abgesehen von einigen sehr netten und interessanten Kontakten die sich aus dieser Teilesuche ergaben waren die neuen Ersatzteile wirkliche Highlights die für den oben beschriebenen Frust vollends entschädigen… und des Schrauber's Seele streicheln.
 

 
 


Voller Druck: Die Kompressionsmessung an den vier Brennkammern gab keinen Anlass zum reklamieren. Mit 12 Bar ist da alles im 'grünen Bereich'
 

 
 

Das es nicht immer so freudig weiter gehen kann war natürlich auch klar. Was ich dann nach kurzer Zeit beim Einlassventil von Zylinder Nr 1 entdeckte konnte keine Freude bereiten… Grosse Teile des Strömungskanals waren an der Oberfläche mit erheblichen Rostspuren versetzt. Der Ventilstössel selber war zwar noch blank und auch die Funktion des Ventils schien absolut noch intakt. Dies bestätigte auch die Kompressionsmessung auf allen Zylindern. Diese war bei allen Zylindern im absolut perfekten Bereich von rund  12 Bar!
 

 
 


Der Einlass von Zylinder 1 gibt zu denken: Ein Testlauf in den nächsten Tagen soll zeigen ob mit Schwierigkeiten zu rechnen ist.
 

 
 

War also hier beim Zylinder 1 das Benzin den ganzen Sommer über durchgesichert und in den Motorinnenraum geflossen... Benzin das wegen des sehr regnerischen Sommers früher oder später mit Wasser zersetzt war und so die Rostbildung begünstigt hatte? Es ist die im Moment plausibelste Erklärung.
 

 
 


Bereit für die weitere Restauration: Die XS1100 mit dem neuen Tank, der neuen Sitzbank und teilweise gereinigtem Motorblock.
 

 
 

Zwischenstand 27.11.2014

Hier gehts weiter zum Finish mit Teil 3