Restauration Yamaha XJ650 Turbo

(Teil 3)

 
     
 


Wieder mal war eine mechanische Anpassung angesagt: Ich hatte keine Lust einen Sicherungskasten aus der Motorrad-Steinzeit nachzurüsten. Also wurde kurzum Platz für eine modernere Lösung geschaffen..

 
     
 

Fortsetzung von Teil 2 .....

 
     
 

Fazit und weiteres Vorgehen
Mit all den  bisherigen Erkenntnissen und der Gewissheit des erfolgreichen Probelaufs am 13. Dezember 2013 ist das weitere Vorgehen nun klar: Beim bevorstehenden Zusammenbau des Motorrades werde ich den Fokus in erster Linie auf die künftige Betriebssicherheit richten.

Allerdings liegt mir auch einiges daran die XJ auch für’s Auge wieder aufzumöbeln und zwar mit Blick auf das Original. Allerdings will ich bei dieser Restauration nicht um jeden Preis den Originalzustand anstreben. Die selbst gemachten Erfahrungen haben mich gelehrt, dass Abweichungen vom Originalzustand von der Prüfungsbehörde durchaus toleriert und der Veteraneneintrag trotzdem gewährt wird. Letztlich ist es eine Frage der  Verhältnismässigkeit je nachdem was verändert wird und in welcher Art. Und abgesehen davon wird die Maschine, sollte sie im Sommer 2014 wie geplant vorgeführt und wieder in Betrieb genommen werden, aufgrund ihrer Erstzulassung im Jahr 1985 eh noch ohne Veteranenstatus auskommen müssen.

 
 


Zerlegter Gablholmen der XJ650 Turbo. Bereit für Kontrolle und die kosmetische Aufarbeitung

 
     
 

Die nächsten, für mich derzeit überblickbaren Arbeiten sind somit….

  • Revision des Kabelbaumes insbesondere des Bereichs um den Sicherungskasten


  • Revision der Vordergabel (Lackierung, Reinigung, Oelwechsel)


  • Revision der hinteren Stossdämpfer (Funktionskontrolle, Reinigung)


… dann Montage der Gabel und der Schwinge hinten

  • Revision der vorderen Bremsen (komplett)


  • Bestellung und Montage der Stahlflex Bremsleitungen vorne


  • Revision beider Räder (Reinigung, Lager, Bremse hinten)


… montieren der Räder damit das Motorrad wieder mobil wird und womöglich auch mal ein paar Test-Meter gefahren werden kann.

 
     
 

Neuer Sicherungskasten

 
 


Aufgeräumt, kompatibel, betriebssicher: Der neue Sicherungskasten passt nun exakt in den Zwischenraum von Luftfilter und Sattelunterboden und ist dank der durchsichtigen Schutzhaube vor Spritzwasser geschützt.

 
     
 

Trotz intensiver Suche konnte ich kein brauchbares Original-Sicherungskästchen für die XJ650 Turbo auftreiben. Kurz entschlossen bestellte ich über eBay einen 4er Sicherungshalter für ‚normale’ Fahrzeugsicherungen. Damit können die im Kfz-Bau verwendeten Sicherungen eingesteckt werden. Natürlich waren einige Anpassungsarbeiten nötig, aber die haben sich gelohnt und das Sicherungsset kann nun problemlos gesteckt werden.
 
Die Frage nach dem (neuen) Aussehen

 
 


Die Farbe hat ausgedient: Glanz oder Matt ist nun die Frage. Die Entscheidung ist nicht ganz einfach, letztlich gewinnt 'Oben' knapp vor 'Unten'.

 
   
 

Als nächstes waren die Gabel, resp deren Federungen an der Reihe. Hier musste ja der Lack, oder besser das schwarze ‚Geschmiere’ entfernt werden. Eine Nacht im Nitroverdünner reichte denn auch um die Farbe schrumpfen zu lassen. Danach konnte sie mit einem Lappen leicht abgerieben  werden. Der metallische Glanz der blanken Tauchrohre gefällt mir gut. Wieso also überhaupt wieder lackieren? Die Frage lautet lediglich: Matt oder blankpoliert? Um mir ein besseres Bild zu machen habe ich beide Varianten bei jeweils einem der Tauchrohre umgesetzt. Die Entscheidung fiel mir nicht ganz einfach, aber letztlich hörte ich auf meinen Bauch und der sagte matt.

 
 


Die matt-polierten Tauchrohre sind äusserlich bereit für den Zusammenbau. Im Innern muss erst noch der Dichtring gewechselt werden.

 
     
 

Die Stossdämpfer der Schwinge

 
 


Musste zerlegt werden: Reinigen und auffrischen war im zusammengebauten Zustand nicht möglich. Das Bild zeigt die Bestandteile einer hinteren Federung der XJ650 Turbo.

 
     
 


Die Feder oben wurde bereits behandelt und gereinigt, der Spirale unten steht das 'Peeling' noch bevor.

 
     
 

Parallel dazu nahm ich mir auch die hinteren Federbeine zur Brust. Da war bald mal klar: Um sie wieder sauber hinzubekommen müssen sie zerlegt werden. Wie geplant so getan. Bei den Dämpfern gab’s so viele Farbschäden, dass eine Neulackierung angesagt war. Ich hatte noch schwarzen 2k-Lack von der TX750 Restauration übrig und wählte auch gleich wieder das bekannte Vorgehen: zuerst eine Schicht Grundierung, danach 2-3mal schwarz darüber lackieren.

 
 


Die Dämpfer wurden geperlt und dann mit der 2K-Grundierung vorbehandelt: Sie sind nun bereit für die Neulackierung in Schwarz.

 
     
 


Erst wenn man das Prinzip der Härteeinstellung durchschaut hat lassen sich die Federungen wieder korrekt zusammen bauen. 

 
     
 

Beim Zusammenbau musste ich mir über den Mechanismus der Härteeinstellung den Kopf zerbrechen. Es waren meine ersten Dämpfer welche über eine Härteverstellung  verfügten. Ich habe die Federbeine drei Mal zusammengebaut und wieder auseinander genommen, bis ich mir beim vierten Anlauf zu 100% sicher war, dass nun alles korrekt passt und auch entsprechend funktioniert.

 
 


Alles wieder zusammen: Sauber geputzt und neu lackiert, die hinteren Federungen sind nun wieder bereit für den Einbau

 
     
 

Zwischenstand 17.01.204

 
     
 

Die genaue Inspektion der vorderen Bremssättel ergab nichts Aussergewöhnliches: Rundum alles reinigen und ersetzen aller Gummiteile war der klare Befund. Die Bremskolben sind eigentlich noch ganz ordentlich und könnten durchaus weiter verwendet werden. Aber es gibt die beiden Gummidichtringe nur im Set zusammen mit einem neuen Bremskolben. Einzeln waren sie nicht zu finden und so habe ich dann zwei Mal die original Piston Assy’s (4X8-W0057-00) bestehend aus dem Bremskolben, dem innern und äusseren Gummiring beim Yamaha-Händler bestellt.

 
 


Eine der beiden vorderen Bremsen in ihren Einzelteilen. Was noch gebraucht werden kann wird geprüft und gereinigt, alles andere wird ersetzt. Ganz oben die neue Bremsleitung in Stahlflexausführung

 
     
 

Im Innern der Sättel war die Bremsflüssigkeit teilweise kristallisiert und dadurch hart geworden. Ein typischer Standschaden. Die Reste liessen sich aber relativ gut mit einem Schabwerkzeug entfernen. Schlimmer stand es um die kleinen Gummibälge, welche die Führungen der Bremszange vor Schmutz und Spritzwasser schützen sollen. Auch diese müssen ersetzt werden  (2 x 4X8-25917-00 und 2 x 5R2-25937-00 ), wobei ein einzelner Gummibalg mit rund CHF. 25.00 zu Buche schlägt…. Immerhin können sie von Yamaha noch geliefert werden. Woher man solche spezifischen Gummiteile dereinst bekommen wird, wenn sie beim Händler nicht mehr verfügbar sind, bleibt ein Rätsel…

 
 


Die beiden Gummis werden einzig von einem kleinen Metallring in der Bohrung gehalten. Diese wieder fest einzusetzen gestaltet sich schwieriger als erwartet...

 
     
 

Nun, ich habe einige unschöne (Kraft-) Ausdrücke zum Besten gegeben, bis die vier Manschetten endlich korrekt montiert waren. Immer wieder löste sich einer der filigranen Halteringe aus der Verankerung und der Gummibalg sprang heraus. Doch mit ‚verständnisvollem Zureden’ etwas Loctite und viel Geduld waren sie dann endlich einsichtig und blieben brav an Ort und Stelle kleben. Der weitere Zusammenbau der Bremssättel war dann allerdings absolut problemlos.

 
 


Hoffentlich genügend Schmierung für die nächsten 20 Jahre: Das Lenkkopflager ist wieder bereit für den Zusammenbau.

 
     
 

Nachdem ich die beiden Lenkkopflager gesäubert hatte, war es an der Zeit die Gabelbrücke zu montieren damit ich nachher mit dem Zusammenbau der Gabel und der Montage des Vorderrades beginnen konnte. Die spröden und teilweise gerissenen Distanzgummis unterhalb der oberen Gabelbrücke waren nicht mehr lieferbar.  Ich hatte aber bereits selber neue Gummiringe gestanzt und konnte diese nun einsetzen.

 
 


Spröde und gerissen (linkes Bild). Die Distanzgummiringe an der Gabelbrücke gibt's nicht mehr zu kaufen. Ein eigens dafür gefertigtes Stanzwerkzeug hilft bei der Fertigung der Ersatzteile.

 
     
 

Eigentlich wollte ich jetzt auf die Schnelle das Vorderrad montieren damit ich mich um den Hinterteil kümmern konnte. Aber dann das: Sowohl das Schneckengetriebe für den Tachoantrieb wie auch das dahinter liegende Radlager waren komplett verhockt und blockiert. Das Schneckengetriebe lässt sich relativ einfach auseinander nehmen und mit der Stahlbürste reinigen. Für die Radlager gibt es aber keine Rettung mehr, neue müssen rein.

 
 


Eingerostetes Radlager mit massiven Standschäden. Das kleine Bild zeigt die deutlichen Spuren in der Lauffläche des äusseren Lagerrings.

 
     
 


Dank dem passenden Zughammer lassen sich die defekten Radlager relativ mühelos herausnehmen.

 
     
 

Auch die Sicherungsbleche für die Befestigungsschrauben der Bremsscheiben sehen nicht mehr ganz frisch aus und sind ziemlich heftig mit Flugrost überzogen. Sie müssen daher schon alleine aus optischen Überlegungen gewechselt werden. Einfacher gesagt als getan: Hierbei scheint es sich um einen Teil (11H-25834-00-00) zu handeln der gerade am Auslaufen ist. Yamaha jedenfalls kann sie nicht mehr liefern. Bei eBay fand ich noch einen Verkäufer in Amerika der 5 Stück übrig hatte. Es braucht aber 2 x 3 Stück… Mit viel Glück fand ich dann noch einen Anbieter aus den Niederlanden der noch einen Restposten von 3 Stück übrig hatte. Sobald die Teile eingetroffen sind, werde ich vorne das Rad wieder montieren können.

In der Zwischenzeit kann schon mal mit dem Zusammenbau des Hinterteils begonnen werden…

 
 


Das hintere Schutzblech bei der Demontage im Herbst 2013 (links). Da von der Stossdämpfer-Renovation noch Farbe in der Spritzpistole übrig war präsentiert sich der 'Kotflügel' nun in dezentem Schwarz (rechts).

 
     
 

Zwischenstand 27.02.2014

 
     
 

Zeitgleich mit der Montage der Gabel, den revidierten Bremssättel, den Bremsscheiben und dem vorderen Rad konnte nun auch die Bearbeitung des Sattels in Angriff genommen werden.

 
 


Der neue Überzug aus Kanada liegt bereit und muss nur noch passgenau mit den aufstehenden 'Blechzähnen' fixiert werden.

 
     
 

Nun war der Moment gekommen, es sich auf der Maschine bequem zu machen und die Sitzposition zu testen. Bald ist mir aufgefallen, dass sich die Federung vorne sehr weich anfühlt. Ich werde nach Möglichkeiten suchen müssen die Härte der vorderen Gabel noch zu verbessern.

 
 


Vorderrad, Scheibenbefestigungen, Bremszange und Bremsschläuche sind wieder betriebsbereit. 

 
     
 

Um mir zu einem späteren Zeitpunkt entsprechende Überlegung anstellen zu können, habe ich die Holmen nochmals geöffnet, einen ‚Fingerhut’ Gabelöl nachgefüllt und die Distanzhülse zwischen Feder und dem ‚Zapfen’ oben exakt dokumentiert. Welche Massnahmen diesbezüglich noch umgesetzt werden, kann im Moment noch nicht beurteilen und brauche dafür noch weitere Erfahrungs-Ergebnisse aus dem Fahrbetrieb.

 
 


Von Hand geschriebene Notizen im Servicehandbuch dokumentieren die Distanzhülsen der beiden Gabelholmen.

 
     
 

Alle (dunklen) Kunststoffteile der Verschalung mussten für den Zusammenbau - in erster Linie der Optik wegen – noch gereinigt und mit Kunststoffreiniger ‚aufgemöbelt’ werden.

 
 


Die Kunststoffteile der Verschalung vor der 'Behandlung'. Noch sehen sie mehr grau als schwarz aus.

 
     
 

So, konnte nun die Verschalung inspiziert, poliert und montiert werden. Meine Erinnerung täuschte mich glücklicherweise: Die meisten Teile der Verschalung hatten wohl einzelne Kratzer und andere kleine Schäden, aber im Grossen und Ganzen war sie noch ganz ordentlich. Ausser dem wohl heikelsten Teil, der Verschalungsleiste welche unter der Sitzbank und hinten unter dem Schlusslicht durchführt. Hier waren sämtliche Montagelaschen abgebrochen und ein Blick nach Ersatz im Internet liess mich fast verzweifeln. Letztendlich bestellte ich doch noch ein Ersatzteil in England bei welchem immerhin noch zwei bis drei Laschen intakt sein sollten. Heute ist nun das Paket mit dem Teil zusammen mit Lager-Ersatzteilen für die Blinker eingetroffen.

 
 


Noch vor wenigen paar Monaten war sie dem Schrott nahe, nun lässt sie sich wieder sehen.

 
     
 

Zwischenzeitlich habe ich Lieferanten- für die rot-blauen Grafikkleber sowie für die ‚YAMAHA’- und ‚Turbo Seca’- Embleme gefunden. Auch diese sind bereits bestellt worden und können nach dem Eintreffen angebracht werden.

Obwohl noch nicht ganz fertig, liess ich es mir nicht nehmen ‚die Turbo’ mal auf der Strasse einem Kurztest zu unterziehen und bei dieser Gelegenheit auch gleich ein paar neue Fotos für die Fotogalerie zu machen. Der erste Eindruck ist wirklich cool. Sie läuft gut, hat Zug und baut beim Beschleunigen auch überraschend schnell spürbaren Ladedruck auf. Die ganz grosse Unbekannt bleibt der innere Zustand des Motors … Wird sie übermässig Oel verbrauchen und wie ist der Zustand von Getriebe und Kupplung….? Diese offenen Punkte lassen sich letztlich erst mit Gewissheit beantworten wenn die Maschine wieder regelmässig im Verkehr eingesetzt werden kann.

Ausstehende Arbeiten:

  • Reparatur an Lenkerabdeckung und Halterung der linken Tankverkleidung


  • Reparatur und Instandsetzung des Verschalungsteil unter der Sitzbank


  • Anbringen der grafischen Aufkleber


  • Anbringen der Embleme ‚YAMAHA’ und ‚Turbo Seca’


  • Bessere Anbringung der vorderen Stahflex Bremsleitungen


  • Verbesserung der vorderen Federhärte


  • Neue Reifen vorne und hinten


 
     
 

Zwischenstand 26.03.2014

 
     
 

Weiter zur Restauration Teil 4 ...